Die Schweden und die Atomenergie

Also vorweg gesagt: ich habe mit Politik sonst eher nix am Hut.

Nur fiel mein Augenmerk bei diversen Online-Ausgaben von Printmedien dann auf die Meldung, dass sich Schweden dazu entschlossen hätte, aus dem Atomausstieg auszusteigen und wieder neue Reaktoren bauen zu wollen.

Proteste und entsetzte Aufschreie natürlich hier, dem mittlerweile einzigen europäischen Land neben Belgien, was weiterhin am Atomausstieg festhält.

Und es gibt erste leise Stimmen in Politik und Volk, dieser Überlegungskette der Schweden Glauben zu schenken.

Der schwedische Ministerpräsident Reinfeldt wird auf Welt Online folgernderweise zitiert:

„…neue Atomreaktoren seien notwendig, um den Kampf gegen den Klimawandel zu unterstützen und den Energiebedarf des skandinavischen Landes zu decken.“ Und auf Bild.de (ja nun, zufällig gefunden!) heißt es: „RWE-Vorstandschef Jürgen Großmann hat Deutschland Verbissenheit in dieser Frage vorgeworfen. Der Chef des größten deutschen Stromkonzerns sagte BILD: „Das ökologisch orientierte Schweden setzt auf die Kernenergie. Genauso wie Italien, die Schweiz, Großbritannien und viele andere Länder. Das sollte uns zu denken geben. Deutschland hat sich in den Ausstieg verbissen. Es kann aber nicht sein, dass alle falsch liegen und nur wir richtig. Ohne Kernenergie werden wir unsere Klimaschutzziele niemals erreichen.““

1980 entschied das schwedische Volk den Ausstieg aus der Kernenergie: alle 12 Reaktoren sollten bis 2010 abgeschaltet werden und es dürften keine neuen Atomreaktoren mehr gebaut werden. 10 von den ehemals 12 Reaktoren sind aber heute immer noch in Betrieb und liefern 50% der benötigten Energie im Land. Nun will die aktuelle Regierung die noch bestehenden Kernkraftwerke durch maximal 10 Neubauten schrittweise ersetzen. Das „Problem“ ist: man kann für Atomstrom leider gut argumentieren, da er sauberer, weil kohlendioxidfrei ist. Und neuere, die die anfälligeren alten Atomkraftwerke ersetzen würden, wären „sicherer“.

Ich hätte das alles fast geglaubt, bis ich dann noch folgende Sätze – meist als Abschluss eines Artikels über den schwedischen Ausstieg aus dem Ausstieg – las:

„Zunächst geht es um eine Verlängerung der Laufzeiten. Aber warum alte AKWs laufen lassen, wenn neuere sicherer wären? Fehlt allerdings noch eine ehrliche, belastbare und vertrauenswürdige Antwort auf die Endlager-Frage.“ Tja, wo lagern wir denn den ganzen Strahlenschrott dann? Ist ja nicht so, dass wir diese Debatte um Atommüllendlagerung nicht schon seit ein paar Jährchen in diesem Land hätten.

Ein Kommentar eines Lesers zu dem bild.de Artikel hat meine persönliche Meinung zu diesem Thema dann endgültig beeinflusst: er entgegnete den Stammtisch-Kommentaren einiger Leser mit drei Links zu Artikeln über alternative Stromgewinnung mittels Solarthermie-Kraftwerke, wie sie jetzt durch das Konzept von Desertec in den Wüsten Nordafrikas und dem Nahen Osten zum Greifen nahe scheinen.

Das Problem: es kostet enorme Summen in der Umsetzung und einen gemeinsamen Willen aller, die Solarenergie durchzusetzen. Die Technik ist da, nur an dem gemeinsamen Willen scheitert es noch. Einfacher wird es nach der schwedischen Entscheidung pro Atomkraftwerk ganz sicher auch nicht.

Und verstehen muss ich diese Entscheidung eines Landes, das bis dahin als Vorreiter der Umweltbewegung galt, auch nicht.

Ich bin gespannt und werde die nächsten Wahlen durchaus interessiert mitverfolgen im Hinblick auf die Energiepolitik der einzelnen Gruppierungen.

Hatte ich eigentlich erwähnt dass ich mich seit meinem letzten Umzug energieversorgungstechnisch für 100% regenerativen Strom von Lichtblick entschieden habe?

Bis die Politiker sich da mal einig sind könnte es noch ein wenig dauern, einstweilen gebe ich euch Lesestoff mit auf den Weg, und zwar die 3 Artikel, die der oben erwähnte Kommentator der gemeinen Leserschaft ans Herz legte:

  • Der Artikel von Spiegel Online über Desertec und die Parabolspiegelantennen-Vision in der Wüste, Mai 2008
  • Der Artikel auf onlinereports.ch über dasselbe Thema: Solarthermie-Kraftwerke in der Wüste, Januar 2009
  • Und der Artikel auf geo.de über Möglichkeit, mit Hilfe von Sonnenwärme Wasserstoff zu erzeugen und damit den Grundstein für neuartige Solarreaktoren zu legen, November 2008

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